Fischen in unsicheren Gewässern: der Beichtstuhl

So wie Schauspieler dann interessant sind, wenn sie eine Verletzlichkeit oder eine Verletzbarkeit im Sinne einer Achillesferse haben, gilt gleiches meines Erachtens auch für Trainer und Trainerinnen und ebenso für Speaker und Speakerinnen: Aalglatt, gekonnt, immer perfekt, alles stimmig und interessant ... ja eine Weile.

Doch dann fängt es an, langweilig zu werden. Der Zuschauer, die Zuschauerin, der Teilnehmer, die Teilnehmerin – die wollen etwas erleben. Sie wollen vielleicht sogar etwas von dieser Person lernen, übernehmen, sich mit dem Protagonisten, der Protagonistin, also der Person vorne, ein Stück weit identifizieren. Oder sie möchten „mitgehen“, ihr über „die Schulter schauen“, wenn die etwas erlebt, um dann indirekt davon zu lernen. Also müssen diese Menschen menschlich sein! Und zu dieser Menschlichkeit, von der ich hier spreche, gehört es auch, die eigene Verletzlichkeit zu kennen, mit ihr umzugehen und sie – in gewisser Weise – zur Verfügung zu stellen.

Das heißt für mich: In der Entwicklung der eigenen Trainerpersönlichkeit gilt es, sich immer wieder Situationen auszusetzen, in denen wir diese Verletzlichkeit selber erfahren. Es gilt m.E. nach, sich mit diesen Verletzlichkeiten gut auszukennen, sie zu kennen, um souverän mit ihnen umzugehen. Aber nur in dem Maße souverän, dass wir nicht gleich wieder zu „glatt“ sind, so sehr eingespielt agieren oder zumindest so wirken.

Und wo wir auch zugleich erfahren, dass es sehr wohl möglich ist, diese Offenheit zu zeigen. Wagen wir uns in Situationen, in denen das Vertrauen größer ist als die Kontrolle, machen Schritt für Schritt die Erfahrung, dass es möglich ist, so offen und sichtbar zu agieren. Mit der individuellen Note einer Un-Perfektheit, mit der eigenen Verletzlichkeit. Jedes Mal wieder können wir erleben, dass nichts Fruchtbares geschieht. Aber meist neigen Trainer*innen dazu, recht viel des Seminargeschehens unter Kontrolle zu haben. Methoden werden genau geplant, die Abläufe detailliert abgestimmt. Da spricht auch nicht viel gegen, wie immer ist das richtige Maß entscheidend.

Der Beichtstuhl ist eine Methode, wo ich in einem sehr unsicheren Gewässer fische. Beim Beichtstuhl bin ich nicht sichtbar.

Die Reaktion der Teilnehmenden kann ich nicht sehen. Es bleibt komplett offen, wie die Gruppe reagiert. Was passiert dort hinter der Wand des Beichtstuhls? Dies ist eine dieser Übungsmöglichkeiten als Trainer*in, mit seiner eigenen Verletzlichkeit in Kontakt zu kommen. Ein großer Schritt, für den viele Teilnehmenden dankbar sind. Sie bekommen einen guten Einblick in unser Wesen und unser Verhalten, eben ganz außerhalb der geplanten und abgesicherten Seminaratmosphäre.

Im nächsten Schritt wird im Beichtstuhl eine sehr intensive Intimität hergestellt, die genau bei dieser Methode recht einzigartig ist. Die Gespräche, die hier geführt werden, zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen sehr intimen Charakter, einen sehr nahen Stil haben. Dies ist der große Unterschied zu anderen Methoden, wo wir dazu neigen, recht schnell in den üblichen Gesprächsstil zu wechseln. Der oft genug sehr kopflastig und emotional unbeteiligt scheint.

Der Beichtstuhl braucht auch den Mut, mit dem Ungewissen tatsächlich umgehen zu können und nicht nur laut zu schreien „Hier, ich bin flexibel und ich kann improvisieren“. Nein. Hier geht es vielmehr darum, die entstehenden Situationen mit Würde, mit Kontakt, mit angemessener professionellen Nähe zu gestalten. Deshalb ist der Beichtstuhl eine Methode, die man meines Erachtens nicht einfach 1:1 übernehmen kann, sondern die bewusst auch eingesetzt wird, um sich selber weiterzuentwickeln.

Was braucht es? Mut und Neugier. 2 Pinnwände, über die ein Pannesamt Stoff gespannt wird. Zwei Stühle auf der einen Seite, alle anderen Stühle so dicht wie möglich vor die Wand. Dort sitzen alle Teilnehmenden nah beieinander. Hier entsteht ein Schulklassengefühl, welches ebenfalls für Nähe aber auch Aufgeregtheit sorgt. Die Trainerin, der Trainer sitzt hinter der Wand und beginnt mit einladenden Worten zu sprechen.

Der Beichtstuhl ist nach meinem Verständnis eine der Methoden, die man „nicht mal eben so übernehmen“ kann, man muss mit ihr wachsen, sie durchdrungen haben, sonst verliert sie ihre Wirkung und geht unter im Meer der oberflächlichen Methoden, deren ursprüngliche Wirkung leider verhallt.

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